Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)
Christoph Bördlein
Was ist BBS?
BBS steht für behavior based safety, was sich mit "verhaltensorientierte
Arbeitssicherheit" übersetzen lässt. Die meisten Arbeitsunfälle werden durch das
Verhalten von Menschen verursacht. Der Grundgedanke von BBS ist, die Mitarbeiter
dazu zu bringen, sich sicher zu verhalten.
Wie soll das funktionieren?
In jeder Situation kann man sich entscheiden, ob man sich sicher
oder unsicher verhält:
- Eine Leiter benutzen oder auf eine Kiste steigen?
- Sich auf dem Gerüst anleinen oder freihändig gehen?
- Einen Ölfleck aufwischen oder daran vorbei gehen?
Oft verhalten wir uns unsicher, weil wir es so gewohnt sind und weil es
bequemer ist. BBS will Menschen dabei helfen, sichere Arbeitsgewohnheiten
zu entwickeln.
Wie entwickelt man sichere Arbeitsgewohnheiten?
Die Verhaltensanalyse kennt eine
bewährte Technik, um Gewohnheiten zu ändern: Die positive Verstärkung.
Bei BBS bedeutet das, dass die Mitarbeiter sich untereinander im sicheren
Verhalten bestärken: Durch Lob, durch Feedback in Form von Grafiken, durch
kleine Feiern bei erreichten Erfolgen (z.B. wenn eine sichere Verhaltensweise
in einer Arbeitsgruppe zur Gewohnheit geworden ist).
Was bringt BBS?
Durch die positive Verstärkung werden sichere Verhaltensweisen zur Gewohnheit:
- Sich beim Treppensteigen am Handlauf festhalten
- Beim Rückwärtsfahren mit dem Stapler nach hinten blicken
- Eine Sicherheitsbrille aufsetzen
Der Mitarbeiter "kann gar nicht mehr anders". Genauso gurten sich viele
Autofahrer "automatisch" an, sobald sie ins Auto steigen. Je häufiger sich
die Mitarbeiter sicher verhalten, desto seltener können sie sich
unsicher verhalten. Nach und nach werden mit BBS immer mehr sichere
Verhaltensweisen zur Gewohnheit. Im Endeffekt führt das zu weniger Arbeitsunfällen:
Ein Rückgang der Arbeitsunfälle um 70 bis 80 % ist
bei BBS nicht die Ausnahme sondern die Regel.
Was unterscheidet BBS von anderen Methoden, um die Arbeitssicherheit
zu verbessern?
BBS ersetzt keine der "klassischen" Komponenten der Arbeitssicherheit. Der
Bereich der Sicherheitstechnik und der Prozessteuerung profitiert sogar von BBS,
was ein erwünschter Nebeneffekt von BBS ist. Den Mitarbeitern fallen Gefahrenquellen,
die sich durch eine technische Lösung beseitigen lassen, mehr auf als zuvor. Auch
werden diese Verbesserungsvorschläge häufiger und schneller gemeldet.
Was unterschiedet BBS von anderen "psychologischen" Ansätzen
im Bereich der Arbeitssicherheit?
BBS ist angewandte Verhaltensanalyse. BBS wendet die
Prinzipien der Naturwissenschaft vom Verhalten auf den Bereich der Arbeitssicherheit an.
Sie ist damit ein Teil der Verhaltenssteuerung in Organisationen, des
OBM (Organizational Behavior Management).
Im Gegensatz zu Psychologen verändern Verhaltensanalytiker das Verhalten selbst. Sie
versprechen nicht, wie Psychologen das tun, Einstellungen, Gefühle und Motive zu verändern.
Verhaltensanalytiker helfen Menschen dabei, selbst ihr Verhalten zu ändern. Die
"Einstellung" und das "Sicherheitsbewusstsein" ändert man besten, indem man das damit
verbundene Verhalten ändert. Mitarbeiter, die BBS nutzen, berichten häufig, dass sie
nicht nur im Betrieb sondern auch zuhause öfter an Sicherheitsaspekte denken als vor
der Einführung von BBS und dass ihnen mehr als früher auffällt, wenn eine Situation
unsicher ist. Vorgesetzte berichten, dass ihre Mitarbeiter seit der Einführung von BBS
öfter über Arbeitssicherheit sprechen und hier mehr Verantwortung und Eigeninitiative
zeigen. Man kann das auch als ein verbessertes Sicherheitsbewusstsein bezeichnen. Der
wichtigste Unterschied zwischen BBS und psychologischen Ansätzen ist aber der Erfolg:
Während psychologische Ansätze meist nur kurzfristig die Sicherheitssituation im Betrieb
verbessern (und das meist nur "gefühlt" und nicht an Zahlen belegbar), führt BBS zu
eine messbaren Senkung der Unfallrate über viele
Jahre und Jahrzehnte.
Im Folgenden finden Sie eine Einführung in den Hintergrund, die Konzepte und
Methoden von BBS. Wenn Sie noch mehr Fragen zu BBS haben oder wissen wollen,
wie Sie BBS in Ihrem Unternehmen einführen können, wenden Sie sich bitte direkt
an mich.
Hier geht es zurück zur Startseite von Verhalten.org.
BBS: Eine Einführung
1. Was ist BBS?
Der Ansatz der verhaltensgestützten Sicherheit (Behavior Based Safety, BBS) unterscheidet sich nach Boyce
(2003)
von anderen Herangehensweisen an das Thema "betriebliche Sicherheit" in einigen Punkten. Das Besondere von BBS
ist der Schwerpunkt auf der Sammlung von Daten, die besondere Beachtung dessen, was Menschen für die Sicherheit tun,
das Treffen von Entscheidungen auf Grundlage dieser Daten sowie die Anerkennung des sicherheitsförderenden Verhaltens
im Gegensatz zur bloßen Bestrafung von Risikoverhalten. Dabei wird die Kompetenz der Mitarbeiter gefordert:
BBS ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess, der von den Mitarbeitern vorangetrieben wird.
Konkret heißt das, dass die Arbeiter gefragt werden, auf welche Weise sie am wahrscheinlichsten verletzt werden könnten.
Auch sollen sie ihre Kollegen beobachten, um Risikoverhalten identifizieren zu können. So wird eine Kerntruppe von
hausinternen Sicherheitsexperten geschaffen und es wird erreicht, dass jeder Arbeiter mit minimalem (Zeit-)Aufwand
die Sicherheit fördert.
Die Forschung zeigt, dass BBS sich rentiert, indem es keine aufwändigen (z.B. technischen) Lösungen erfordert,
sondern mit dem eigenen Personal selbständig zu Verbesserungen führt (vgl. Sulzer-Azaroff & Austin,
2000).
Unfälle werden von BBS als ein Verhalten unter bestimmten Bedingungen betrachtet. Insofern ist BBS die Anwendung
der Verhaltensanalyse auf das Gebiet der Arbeitssicherheit. Jedes BBS-Programm muss den hohen methodischen Anforderungen
an Maßnahmen der Angewandten Verhaltensanalyse gerecht werden.
Verhaltensanalytiker im Bereich der BBS suchen nach funktionalen Zusammenhängen zwischen Umweltbedingungen,
dem (Arbeits-)Verhalten und den unmittelbaren Konsequenzen dieses Verhaltens. Dabei beschreiben sie zunächst das
erwünschte Ergebnis in den Begriffen von Verhalten: Was muss der Betreffende tun, damit Sicherheit hergestellt ist?
Dabei müssen sich die Ziele messen lassen - u.U. mit einem Messinstrument, dass erst entwickelt werden muss.
Ziel ist eine kontinuierliche Erfassung der "Sicherheitsleistung" eines jeden Arbeitsplatzes im Sinn der Erreichung
bestimmter Kriterien. Diese Leistung muss durch entsprechendes Feedback und andere Konsequenzen geformt werden.
Ein vernünftiges BBS-Programm wird Mechanismen zur sinnvollen und unmittelbaren Rückmeldung der Arbeitssicherheit
eines Arbeiters entwickeln. Dabei ist der Schwerpunkt auf die positiven Aspekte zu legen, nicht auf die Schwächen -
denn nur wenn Feedback nicht als Bestrafung verwendet wird, kann es Verhalten effektiv formen. Das Feedback muss
vorhersagbar und beständig erfolgen. Dabei empfehlen sich Grafiken als Veranschaulichungshilfen. Gute Leistung in
Sachen Arbeitssicherheit sollte auch anerkannt werden und sich lohnen.
Das Konzept der verhaltensorientierten Arbeitssicherheit kann nur funktionieren, wenn der Begriff der Schuld aus der
Arbeitswelt verschwindet. Wenn es bei Arbeitsunfällen nur darum geht, wer schuld daran war, wird sich nichts ändern
und derselbe Unfall wird früher oder später wieder auftreten.
weiter
Oder wählen Sie ein Kapitel:
- Was ist BBS?
- Die Ausgangslage
- Grundlagen von BBS
- Einige Nachteile traditioneller Ansätze zur Arbeitssicherheit
- Ergebnis- und prozessgesteuerte Unternehmensführung
- Ein Programm zur verhaltensorientierten Arbeitssicherheit einführen
- Phasen bei der Einführung von BBS
- Das Sicherheitsassessment
- Einführungsveranstaltung und Schulung
- Die Planung
- Werte entwickeln
- Die Planung der Teilprozesse
- Beobachtungen planen
- Analysiere frühere Unfälle
- Entwickle eine Liste der bedeutsamen arbeitssicheren Verhaltensweisen
- Entwerfe und überarbeite die Punktekarte
- Entwickle eine Beobachtungsprozedur
- Das Feedback
- Mache einen Probedurchlauf
- Auszeichnungen und Belohnungen
- Das Beobachten
- Die Einführung von BBS
- Die Steuerungsgruppe
- Die Rolle des Managements
- Besonderheiten bezüglich schwerer Unfälle
- Selbstbeobachtungen
- Besonderheiten der Steuerungsgruppe
- Verhalten erkennen
- Verbesserungsprojekte
- Anerkennungen und Feiern
- Weitere, mögliche Komponenten von BBS
- Die Verankerung von BBS in der Unternehmenskultur
- Fallbeispiele
- BBS-Systeme in anderen Organisationen: Fallbeispiel Schulbus
- BBS und der Rückgang der Arbeitsunfälle
- Das Beobachten hilft auch dem Beobachter
- Worauf man sonst noch achten muss
- Literatur
zurück zur Hauptseite