Verhaltensorientierte Arbeitssicherheit (Behavior Based Safety, BBS)
Die meisten Industriebetriebe haben heutzutage hervorragende Unfallstatistiken vorzuweisen. Der durchschnittliche amerikanische Industriearbeiter müsste demnach 33 Jahre arbeiten, ehe er einen Tag aufgrund eines Betriebsunfalls ausfällt. Dieser Erfolg stellt zugleich eine Gefahr dar, denn ein Arbeiter kann eine Sicherheitsprozedur umgehen, ohne dass er mit großer Wahrscheinlichkeit einen Unfall erleidet.
Die meisten Arbeitssicherheitsprogramme beinhalten mehrere Methoden, um die Mitarbeiter zur Teilnahme zu bewegen: Informelle Rückmeldung über die erfolgreiche Anwendung von Sicherheitsvorschriften, Arbeitstreffen und Trainings zum Thema, Preise für besonders sichere Abteilungen, Audits, schriftlich fixierte Sicherheitsprotokolle, Poster, Rundbriefe usw. Das ist gewissermaßen das, was alle tun, um die Arbeitssicherheit zu verbessern. Doch die Beteiligung der Mitarbeiter an der Arbeitssicherheit ist keine Nebensache. Die allermeisten Arbeitsunfälle (80-90%) resultieren aus gefährlichem Verhalten, nicht aus gefährlichen Arbeitsbedingungen. Verbesserungen auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit können also nur über einen verhaltensorientierten Ansatz gelingen. Dessen Komponenten - deren Wirksamkeit sowohl in der täglichen Praxis als auch in wissenschaftlichen Experimenten gut dokumentiert ist - sind: Die strukturierte Beobachtung von Verhalten und das Feedback darüber, eine ebenso strukturierte Auswertung dieser Beobachtungsdaten, konkrete, verhaltensorientierte Ziele zur Verbesserung der Arbeitssicherheit und die geregelte Anerkennung der Fortschritte und der Zielerreichung. Diese Komponenten erscheinen sehr einfach und eingängig, so dass viele die damit verbundenen Schwierigkeiten unterschätzen.
Du Pont, eines der größten Unternehmen der amerikanischen Chemieindustrie ist in gewisser Weise ein Vorreiter in Sachen Arbeitssicherheit. Bei Du Pont resultierten 96% aller Arbeitsunfälle aus gefährlichem Verhalten, nicht aus gefährlichen Arbeitsbedingungen. Im Rahmen eines neuen Programms zur Arbeitssicherheit finden nun regelmäßig Beobachtungen zur Arbeitssicherheit auf allen Ebenen des Managements statt. Dabei wird arbeitsunsicheres Verhalten beobachtet und dokumentiert, jedoch ohne dass der Name des betreffenden Mitarbeiters genannt wird. Mit dem Mitarbeiter wird vielmehr der Fall besprochen und dabei folgende Fragen gestellt: Was hätte passieren können und wie hätte der Mitarbeiter die Arbeit sicher machen können. Hinzu kommen bei Du Pont umfangreiche Trainingsmaterialien zur Arbeitssicherheit, geregelte Verfahren bei Arbeitsunfällen und vieles mehr. Du Pont ist für gewöhnlich die „Nummer 1“ in der chemischen Industrie in Bezug auf Arbeitssicherheit: Ein Mitarbeiter von Du Pont erleidet im Schnitt nur alle hundert Jahre einen Arbeitsunfall. Wir werden im folgenden sehen, inwiefern DuPont die Prinzipien von BBS beachtet - und verletzt.
Die eben genannten 96% bedeuten nicht etwa, dass die Mitarbeiter zu eben diesem Anteil an den Arbeitsunfällen „schuld“ gewesen wären. Unsicheres Arbeitsverhalten resultiert aus der physikalischen Umwelt, der sozialen Umwelt und der bisherigen Erfahrung des Arbeiters in diesen Umwelten. Schwere Unfälle resultieren praktisch immer aus einer Kombination von unsicherem Verhalten und unsicheren Bedingungen.
Unfälle passieren nicht aus heiterem Himmel. Man spricht hier von der Sicherheitspyramide. Viele unsichere Handlungen und Bedingungen führen zu weniger Beinahe-Unfällen, zu noch weniger Erste-Hilfe-Fällen, zu noch weniger protokollierten Arbeitsunfällen, zu noch weniger verlorenen Arbeitstagen und zu sehr wenigen Todesfällen. Das heißt, es können sehr viele unsichere Handlungen auftreten, ohne dass es zu Unfällen oder gar Todesfällen kommt, aber die unsicheren Handlungen stellen gewissermaßen die Basis der Unfälle und Todesfälle dar.
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